Kopenhagen 2013 – Die Idee

Die Idee

Berlin-KopenhagenAm Anfang stand eine Idee: Ein Kurztrip nach Kopenhagen. Es gibt den Berlin-Kopenhagen-Radweg, der sicherlich schön ist – aber für einen Kurztrip nicht geeignet, er hat zu viele Stellen, wo er einen ausbremst und er windet sich über viele Kilometer durch’s Land. Wer schnell von Berlin nach Kopenhagen will, der muss andere Wege fahren.

Michael und ich wollten den Weg von Berlin nach Kopenhagen in zwei Tagen angehen. Dazu bedienten wir uns auf der deutschen Seite Von Berlin bis Neuruppin eigener in diversen Touren ergründeter Strecken, von Neuruppin bis Rostock folgten wir weitgehend der Radweit-Route. Anstatt die Fähre nach Gedser zu nehmen, planten wir die Nachtfähre nach Trelleborg ein und führten die weitere Planung über Malmö nach Helsingborg, weiter mit der Fähre nach Helsingør und von dort wieder südlich nach Kopenhagen. Das ganze ist sicher keine Tour für Anfänger, aber die geplante Strecke war mit rund 270km am ersten Tag und nochmal gut 165km am Zweiten in einem für uns zu bewältigendem Rahmen. Für Notfälle gibt es auf dieser Route auch immer wieder Ausstiegsmöglichkeiten mit Bahnverbindung.

Ein Stückchen Berlin-Kopenhagen-Radweg

Dass Michael und ich auf Touren relativ problemlos mal 170km fahren können ist ja keine Neuigkeit. Es ist Sommer, wir sind gut in Form – über eine solche Planung würde ich mir keinerlei Gedanken machen. Endlich sinnvolle HinweiseWas aber, wenn etwas größeres ansteht. Mehr als 250 Kilometer an einem Tag und am nächsten dann nochmal eine gute Strecke (wenn auch unter 200km). Ist sowas gefahrlos planbar? Da hilft nur: ausprobieren. Können wir langsam und diszipliniert genug fahren, schaffen wir es, uns unterwegs gut genug zu versorgen, daß so eine Strecke mit genügender Planungssicherheit zu bewältigen ist?

Samstag Morgen um kurz vor neun Uhr trafen wir uns am Hauptbahnhof in Berlin, die Routenplanung hiess: Berlin-Kopenhagen-Radweg bis Waren an der Müritz. Die zeitliche Beschränkung war durch den letzten Zug um 21:35 Uhr ab Waren zurück nach Berlin gegeben und gute 220 Kilometer lagen vor uns. Wir gingen die Strecke mit nur leichtem Gepäck an, nur was wir für den Tag brauchten. Nicht nur AsphaltGenügend Snacks für die geplanten kurzen Pausen, ausreichend Wasser und Getränke, um einen sonnigen (wenn auch nicht zu heißen) Tag zu überstehen.

Die Streckenführung des Berlin-Kopenhagen-Radwegs ist keineswegs direkt, sie windet sich auf kleinen Radwegen und ruhigen Straßen durch die Landschaft. Oft ist die Strecke kurvig, geht es neben einer Straße entlang ist der Radweg häufig nicht nivelliert und an ein paar kurzen Abschnitten geht es auch auf nicht asphaltierten Strecken durch den Wald. Andererseits gibt es viele gut ausgebaute Asphaltabschnitte, oft entlang von Kanälen, so daß es einen Wechsel zwischen schnellen und wenig anstrengenden Abschnitten und solchen gibt, die einen immer wieder auch mal ausbremsen. Das ist nicht ideal, wenn man wirklich von A nach B kommen will, aber es ist durchaus ein gutes Szenario, um die Belastung einer noch längeren Strecke durch das Land abschätzen zu können.

Zebrastraße?!Aus Berlin heraus fuhren wir über uns von anderen Touren bekannte Abschnitte. Am Berlin-Spandauer-Schiffahrtskanal entlang führt der Weg nach Spandau, dann am Havelufer in Richtung Hennigsdorf. Der Weg ist hier großenteils gut ausgebaut, es gibt nur wenige Drängelgitter und andere Hindernisse, die kurvenreiche Strecke mit vielen Ausflüglern zwingt einem dennoch das ein oder andere Brems- und Beschleunigungsintervall auf. Zwischen Hennigsdorf und Hohen Neuendorf biegt der Weg recht abrupt vom straßenbegleitenden Radweg unter Überquerung einer vielbefahrenen Straße mit engen Drängelgittern auf einen mittlerweile gut fahrbaren Weg durch den Wald ab. Die Durchquerung von Hohen Neuendorf ist etwas verwinkelt, aber mittlerweile auch fast durchgehend ohne Kopfsteinpflaster zu bewältigen.

Zwischen Hohen Neuendorf und Oranienburg gibt es die ersten kleinen Anstiege und nette Überraschungen auf dem Radweg, die Ortsdurchfahrt von Oranienburg ist stressfrei und danach wird es ersteinmal für eine Zeit sehr angenehm. Ab Schleuse Lehnitz geht es längs des Kanals, breit und asphaltiert. Es gibt ein kleines Wetterschutzhüttchen, wo wir es uns zur ersten Pause kurz bequem machen. Dann geht es weiter auf einer tollen Fahrradstraße bis kurz vor Liebenwalde. Abendsonne an der Mecklenburgischen SeenplatteNach kurzer Zeit auf einem straßenbegleitenden Radweg kommt man zunächst auf ruhige Straßen, dann auf einen Radweg entlang des Vosskanals bis Zehdenick, wo wir eine weitere Versorgungspause mit Supermarktbesuch einlegen.

Anschließend wird die Strecke etwas verwinkelter, aber wir lassen es uns nicht nehmen, auch die Schleife durch den Ziegeleipark Mildenberg mitzunehmen, wo eines der wenigen Schilder am Radweg steht, wo sowohl die Entfernung nach Berlin als auch die nach Kopenhagen angegeben sind. Über ruhige Straßen, die teilweise als Fahrradstraßen ausgeschrieben sind (aber oft dennoch von Autos rege genutzt werden) fahren wir weiter. Eigentlich wollen wir in Fürstenberg ein kleine Pause machen, aber wir streifen den Ort nur, so daß es dort keine brauchbare Möglichkeit gibt, uns auf ein Stück Kuchen hinzusetzen – so kommen wir erst einige Kilometer weiter und rund 90km vor dem Ziel zu einer etwas längeren Pause. Wir liegen aber gut in der Zeit und sind noch immer topfit.

Eine mäßig ausgeschilderte Umleitung über Klein Quasow spart uns einen großen Haken und damit diverse Kilometer, der Berlin-Kopenhagen-Radweg windet sich jetzt rings um den Nationalpark, wir sehen immer wieder Hinweisschilder auf die diversen Eingänge. Am Ziel: Stadthafen Waren an der MüritzZwischendurch müssen wir ab und zu über rumpeligen Untergrund oder sogar Kopfsteinpflaster, größtenteils geht es aber. Die Landschaft ist merklich hügelig hier und die Sonne brennt, obwohl es mit nur knapp über 20°C gar nicht mal so extrem warm ist.

Die letzten Kilometer nach Waren hinein gehen auch noch gut, es ist kurz nach 20 Uhr. Ich mache noch das obligatorische Molenfoto, dann entscheiden wir uns für den Italiener am Hafen, weil es beim Italiener meist schnell geht. Hier warnt man uns aber schon vor, daß es nicht mehr rechtzeitig was wird mit dem Essen, so trinken wir nur etwas – ich gönne mir darauf noch ein Fischbrötchen am Stand nebenan.

Wir sind frühzeitig am Bahnhof, lösen die Fahrradtickets (unsere hatte ich schon auf dem Handy) und werden auf Nachfrage vom Bahnhofschef noch über die Schienen zu unserem Bahnsteig geleitet, so daß wir uns die Treppen ersparen. Die Rückfahrt klappt bis auf ein wenig Verspätung reibungslos, nur das Essensangebot am Samstag abend am Hauptbahnhof in Berlin lässt zu wünschen übrig.

Und wofür das ganze? Wird noch nicht verraten – aber ich werde dann hier berichten.

Mai ’13: Neuruppin – Berlin

Obwohl wir keinen Wecker gestellt hatten, waren wir recht früh wach, aber wir ließen es ruhig angehen. Nur noch gut 80km lagen vor uns auf dem Weg nach Hause, das Wetter war passabel und wir fühlten uns nach der gestrigen Entspannung auch ganz gut obwohl wir eine zweiwöchige Tour mit zwar unterschiedlichen Intensitäten, dennoch aber ohne wirklichen Ruhetag hinter uns hatten.

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So gingen wir auch erstmal Frühstücken und räumten erst danach unsere Taschen ein. Beim Frühstück freute ich mich über Blutorangensaft – und war dann hellwach, als ich merkte, daß es sich in Wirklichkeit um Tomatensaft handelte. Wie können Leute das ernsthaft gerne trinken? Abfahrbereit waren wir um 10 Uhr. Jedenfalls fast, mein Pufferakku war aus unbekanntem Grunde entladen. Ich musste das Telefon zum Live-Tracking also an meinen großen Puffer hängen, das GPS erstmal über die eigenen Akkus betreiben, bis der der Pufferakku langsam wieder Kapazität gewann. Eine genauere Analyse steht noch aus. Bis zu Hause reichte es auch erstmal so.
Aus Neuruppin heraus folgen wir der Radweit-Route auf Radwegen, die großenteils von der Straße abgesetzt verlaufen, später gibt es dverse Kilometer Landstraße, aber auch immer mal wieder Strecken abseits des Verkehrs, der sich aber heute ziemlich im Rahmen hielt. So fahren wir bis nach Spandau, dann routen wir auf bekanntem Terrain abseits irgendwelcher Planungen nach Hause.
Mich fährt aber Westend einen anderen Weg als ich. Ich werde – dank Live-Tracking – vor meiner Haustür bereits von meinen Eltern begrüßt, die mir auch helfen, die Taschen hochzutragen. Sowas nenne ich mal einen Empfang nach 1857,51km Radtour in zwei Wochen!

Mai ’13: Schwerin – Neuruppin

Als wir um acht Uhr zum Frühstück gingen, waren die Taschen bereits gepackt. Bis Neuruppin stehen etwas mehr als 140km auf dem Plan und wir wollen nicht allzu spät starten. Müsli, Ei, Brötchen mit herzhaftem und mit süßem Belag und dazu schon O-Saft und Tee, zusätzlich noch etwas Joghurt mit Früchten. Man will ja nicht nach ein paar Kilometern versacken!

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Wir routen uns auf einer ruhigen Straße parallel zum eigentlichen Track langsam an diesen heran, dann geht es auf der Radweit-Strecke weiter. Erwartungsgemäß kommt auch bis Parchim: nichts. Nach über tausend Kilometern abseits von Straßen, nach den positiven Erfahrungen in Belgien und den Niederlanden, ist deutscher Straßenverkehr, selbst auf den kleinen Landstraßen ziemlich nervig, wir wünsche uns wohl beide weit weg von hier. Dazu kommt noch die berühmt-berüchtigte schlechte Qualität der Straßen und die gerade zu wahnwitzig absurden Radverkehrsführungen und -anlagen in Mecklenburg-Vorpommern. Zudem setzt der Tour-Kater ein. Es geht nach Hause. Die letzten 200km bis Berlin haben mir noch nie Spaß gemacht und so ist es auch heute – ich werde bei den nächsten Reisen wohl wieder drauf achten, wegzufahren und dann mit einem anderen Verkehrsmittel die Heimreise anzutreten.

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In Parchim gehen wir in ein Café und nehmen Kuchen und Cola als zweites Frühstück, bei der Ausfahrt aus Parchim habe ich wohl unsauber geplant und führt uns der Track unversehens über Treppen in einen Park, anstatt ein paar Meter weiter auf die Straße. Mit vereinten Kräften korrigieren wir den kleinen Fehler, dann geht es weiter. Nächster größerer Ort ist Wittstock. Zwischendurch geht es noch am Flughafen Schwerin-Parchim vorbei. Große Schilder und Ankündigungen, was über unseren Köpfen zur Landung ansetzt ist dann aber doch eher ein A3,80.
Zwischendurch füllen wir die Getränke-Vorräte und sicherheitshalber auch den Pesto-Vorrat noch an einem Supermarkt auf, schaffen es dann auf Autopilot und kurz vor dem Zombie-Modus doch noch bis Wittstock, wo wir Mittag essen. Zwar dauert es schon wieder ziemlich lang, aber diesmal merkt das Personal das von selbst und erlässt uns den doppelten Espresso, den wir als Nachbrenner bestellt hatten.

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Nach einem kurzen Fresskoma-Knick bei mir geht es dann auch zügig weiter nach Neuruppin. Zwischendurch noch die Brandenburger Fahrräder-dürfen-nicht-auf-die-Landstraße-Huper und ein LKW, der anhält, der Fahrer sieht uns und gibt dann vor uns an der Einbiegung noch schnell Gas, so daß Micha nur mit einem heftigen Ausweich- und Bremsmanöver noch etwas retten kann. Der Schreck sitzt tief und wir weichen erstmal auf ein Stück des Prignitz-Express-Radwegs aus, von dem wir wissen, daß der Belag nicht sonderlich ist, aber wenigstens ist es weitgehend fern irgendwelcher Idioten.
In Neuruppin stellt sich – vermutlich wegen des verlängerten Wochenendes – die Suche nach einem Zimmer nicht als so leicht wie gedacht heraus, aber am Ende landen wir im Sporthotel und können noch einen Abend in der Saunalandschaft verbringen und kriegen vor Ort auch noch gut zu essen. Und WLAN.

Mai ’13: Kiel – Schwerin

Wie immer waren wir schon vor dem Wecker wach, diesmal packten wir unsere Taschen und gingen ann zum Frühstück. Gerade rechtzeitig, wie sich herausstellte, nach uns kam eine Horde Schüler und vor meinem geistigen Auge entstanden Bilder von Heuschreckenschwärmen, die ganze Landstriche karg und verwüstet hinter sich lassen.

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So waren wir mit kleinem Frühstück aber dafür früh auf der Straße. Der Weg aus Kiel heraus ist hügelig und zieht sich entlang einer viel befahrenen Bundesstraße, bevor es endlich etwas ruhiger wird. Ab heute fühlt es sich an wie nach Hause fahren, nicht mehr wie auf großer Radtour sein. Wir nehmen nicht mehr die schönsten Wege, sondern preschen auf Straßen durch’s Land, fressen Kilometer. In Plön gibt es noch ein zweites Frühstück, dann geht es weiter nach Lübeck, unserem Mittagsziel. Kurz vor 13 Uhr sind wir dort.
Kurzer Niesel während wir in die Stadt rollen und ich das obligatorische Touri-Foto vom Holstentor mache, dann suchen wir uns am Stadthafen einen Italiener. Wie immer beweisen ein glückliches Händchen bei der Auswahl des wirklich langsamsten Restaurants am Platz, aber wir liege gut in der Zeit, das Getröpfel hat auch sofort wieder aufgehört.

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Während vormittags die Herrentags- und Bollerwagen-Fraktion noch recht lustig war und die Akkus noch für Musik reichte, wird es hinter Lübeck langsam nerviger. Die Leute haben einen guten Pegel  und die Unmengen von Autos vor den dörflichen Partys lassen nichts Gutes erahnen – wir können uns kaum vorstellen, dass da genügend Leute nüchtern bleiben. Teilweise machen die Verkehrsteilnehmer auf den kleinen Straßen bereits jetzt den Eindruck, als wären sie nicht mehr völlig nüchtern.
25km vor Schwerin gehen wir in ein Eiscafé, können uns aber beide nur für etwas zu trinken entscheiden. Auf dem Regenradar sah es bisher gut aus, die lila Gewitterzellen zogen alle an uns vorbei, langsam brauen sich die dunklen Wolken aber auch in unserer Nähe zusammen. Nach dem Start vom Eiscafé fällt mir auf dem Kopfsteinpflaster die etwas schwammige Fahrweise meines Rades auf – ein Platter, natürlich hinten.

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Passenderweise gibt es einen Metallzaun an der nächsten Kreuzung: Gepäck runter, Hinterrad mit Spanngurt angehoben und schon kann ich es untersuchen. Es findet sich recht schnell der schuldige 1-cm-Glassplitter, als ich diesen entferne höre ich ein Zischen. Ich entscheide mich für die einfache Methode und ziehe nur an der entsprechenden Stelle den Schlauch aus dem Reifen zum Flicken, um nicht das ganze Rad ausbauen zu müssen.
Die Aktion ist von Erfolg gekrönt und so geht es weiter. Die Wolken werden immer dunkler und bei der Einfahrt nach Schwerin erreicht uns die Böenwalze – ein sicheres Zeichen, daß es gleich was auf die Mütze gibt. Wir durchqueren die Stadt im Eiltempo, unser Hotel liegt ein paar Kilometer außerhalb an unserer Route. Es fängt an zu tröpfeln, wird immer stärker. Der Punkt, wo man normalerweise das komplette Regenzeug anzieht ist ca. 500m vor dem Hotel erreicht, so fahren wir einfach weiter und kommen noch halbwegs trocken im Hotel an.
Netz gibt es fast keines, die örtlichen Aluhut-Träger haben den Mobilfunkmast weggeklagt und das WLAN ist nur in der Lobby (halbwegs) zuverlässig. Dafür gibt es aber noch was zu essen ohne rauszugehen.