Figeac – Agen

Beim Frühstück sitzen außer mir nur Jacobsweg-Wanderer. Es entspinnt sich dennoch ein nettes Gespräch um Kirchen am Weg bis hin zu europäischer Politik. Doch irgendwann muss ich mal los.

Kurze Begleitung
Kurze Begleitung

Kurz hinter Figeac überlege ich, ob ich spontan in Richtung Faycelles und damit ins Vallée de Lot abbiege, entscheide mich dann aber doch für meine originale Routenplanung. Die Strasse ist ruhig und wartet zunächst mit leichten Steigungen auf, nichts Großes oder Andauerndes aber. Die ca. 20km bis Cajarc gehen schnell vorbei.

Anschließend wird es eine Weile noch hügelig, die Steigungen sind aber selten mehr als drei bis fünf Prozent und ich bin ja mittlerweile gut im Training. Wenige Radfahrer sind unterwegs, vereinzelt Rennradler. Einer folgt mir, allerdings nach jedem Gefälle mir wachsendem Abstand, für mehr als 15 Kilometer.

Nach einer sanften Abfahrt wird ist es dann bald nur noch leicht hügelig und ich komme gut voran. Zwischendurch gibt es Mittagessen und – trotz Sonntag und mitten auf dem Dorf – einen offenen Supermarkt.

Radweg am Garonne-Seitenkanal
Radweg am Garonne-Seitenkanal

Später scheinen meine Beine müde zu werden, doch nachdem das Rad merkwürdig schwammig fährt, Stelle ich fest, dass ich am Hinterrad wenig Luft habe. Ich finde keine äußere Beschädigung, pumpe mit der Handpumpe nach und fahre weiter. Nachdem ich erst von meiner Route abweichen muss, weil die Strasse über Privatgrund geht und dann einen noch größeren Umweg fahre, weil die Alternative Strasse wegen Bauarbeiten gesperrt ist, merke ich, wie langsam wieder zu wenig Luft im Reifen ist. Ich wechsle also den Schlauch und Stelle bei der Gelegenheit fest, dass sich ein Dorn nach innen durchgearbeitet hat. Ich kann diesen entfernen. Dank CO2 Pumpe geht das aufpumpen dann auch angenehm schnell.

Mittlerweile brennt mir die Sonne ins Gesicht und ich mache in Massiac eine kurze Pause. Für den Abend buche ich eine Unterkunft in Agen, ca. 45 bis 50 Kilometer weiter, allerdings am flachen Kanalradweg des Canal Lateral de Garonne.

Agen am Abend
Agen am Abend

Einige Male verlasse ich den Radweg für ein Bahnhofsfoto, aber da es spät wird, will ich irgendwann auch einfach nur noch ankommen.


Allanche – Figeac

Frühstück gibt es in französischen Unterkünften in der Regel erst ab halb neun, nur auf speziellen Wunsch früher. Heute war mir das allerdings durchaus recht, denn es war draussen noch ziemlich kalt.

Dienne
Dienne

Als ich gegen um halb zehn los fuhr, zeigte das Thermometer gerade einmal 9°C und im ersten leichten Anstieg sogar noch weniger an. Hochnebel hing zwischen den Anhöhen und ein paar Wolken vor der Sonne. Doch in der Steigung wird einem auch so warm. Die kurzen Abfahrten kühlten dann aber schnell herunter.

Schon bald sah ich mein erstes Ziel für heute, den Puy Mary (Marienvulkankegel) bzw. für mich natürlich der zugehörige Pass Col du Pas de Peyrol. Durch ein langes Tal ging die Strasse in relativ sanftem Anstieg langsam bis zum Col de Serre hoch, dahinter dann steiler für die letzten 200 Höhenmeter, auf den letzten 1,8km mit einer durchschnittlichen Steigung von fast 10%.

Col du Pas de Peyrol
Col du Pas de Peyrol

Oben angekommen genoss ich den Ausblick, dann setzte ich mich bei blauem Himmel und Sonnenschein an einen Tisch des Restaurants und aß und trank, bevor es in die Abfahrt ging. In dieser stoppte ich schon nach wenigen hundert Metern, um einen großen Raubvogel zu beobachten, der in der Thermik seine Kreise zog. Dann begann ich die Abfahrt nach Aurillac.

Durch die vielen Kurven und die nicht einsehbare Strecke war die Abfahrt anspruchsvoll und ein guter Test für die Bremsen, die das aber wieder völlig problemlos mitmachten. Unten ging es dann, oft mit kleinem Gefälle, bis Aurillac weiter.

In Aurillac suchte ich einen Fahrradladen auf: ich wollte den Schaltzug aus der gestrigen Aktion gegen einen besseren (respektive wirklich passenden) tauschen und mir doch noch Ersatz besorgen. Das klappte problemlos, sogar die verlorene Kabelendkappe könnte ich ersetzen.

Kirche in Figeac
Kirche in Figeac

Von Aurillac ging es sanft bergan, bevor ich im Tal der Rance eine längszogen, sanfte Abfahrt bis nach Maurs hatte. Das war sehr entspannend und endlich purzelten auch mal wieder die Kilometer. In Maurs machte ich in einer Bar eine Orientierungspause. Mein Rad erregte Aufsehen und ich hatte bald Gesellschaft. Würde ich alle guten Tipps für die Strecke befolgen, dann hätte ich nach den nächsten 1500km die schönsten Täler Frankreichs gesehen, wäre meinem Ziel ab kaum näher gekommen. Ein oder zwei Tipps nehme ich aber dankend an und versuche spontan etwas umzuplanen.

Ich entschied mich für eine Übernachtung in Figeac, nur 22 flache Kilometer hinter Maurs und kam gut vorwärts. Ich ergatterte eine Übernachtung in einem netten Hotel und konnte zu Fuss die schöne Altstadt erkunden.

Noirétable – Allanche

Der Himmel am Morgen zeigte von Westen her schon die ersten Wolken, war aber noch zum größten Teil blau. Für mich ging es direkt vom Hotel in den Anstieg – ohne Warmfahren.

Halb blau, halb grau am Morgen
Halb blau, halb grau am Morgen

Nach rund 5km war der erste Pass geschafft. Meine Route allerdings führte mich auf kleinen und ruhigen Straßen etwas südlich und somit nicht direkt ins Tal. Das heißt aber auch, daß ich nur kurze Abfahrten und immer wieder Anstiege zu bewältigen hatte. Gleichzeitig zog sich der Himmel immer weiter zu, manchmal gab es ein paar Tropfen, wenn auch nichts Schlimmes.

Anstiege fressen Zeit und bringen wenige Kilometer. Das führt im Umkehrschluss dazu, dass man zur Mittagszeit nicht in der gleichen Frequenz durch Orte kommt, wie bei Fahrten im Flachen. Zudem sind oben am Berg auch meist eher kleinere Orte ohne entsprechende Infrastruktur zu finden. Dementsprechend war ich froh, zumindest einen kleinen Supermarkt zu finden. Schokolade und Saft als Nachschub für Pausen.

Als ich endlich weiter unten ins Tal kam, war es schon halb zwei. Das erste Restaurant, das ich fand, war zwar noch offen, aber die Küche war bereits zu. Man verwies mich an den nächsten grossen Supermarkt, der glücklicherweise direkt an meinem Weg lag. Dort fand ich ein Restaurant, wo ich auch um kurz vor zwei noch ein Menu du Jour bekam. Die Rettung!

Kaputter Schaltzug
Kaputter Schaltzug

Anschließend ging es in die nächsten Steigungen. Ich bemerkte, wie die Schaltung hakelig wurde und schaute bei einer Pause genauer nach: gerade noch rechtzeitig. Der Schaltzug hatte nur noch zwei intakte Drähte. Zum Glück lag vor mir kein starker Anstieg mehr, ich änderte meine Route ins Tal in den nächsten größeren Ort, Massiac. Ich vermied es, hinten zu schalten und hatte nur noch drei Gänge zur Verfügung.

Am Ortseingang von Massiac sah ich ein Hotel, ich hielt dort um zu fragen, wo der örtliche Fahrradladen sei. Die Antwort war unbefriedigend: gibt keinen in Massiac – und alle anderen kilometerweit entfernt und ab der Route, vor allem aber nur über teils gehörige Anstiege zu erreichen. Ich erklärte dem Hotelier das Problem und er gab mir kurzerhand einen passenden Schaltzug aus seiner Garage, den ich einbaute. Glück gehabt! Ich muss zwar nochmal Ran und justieren, aber so traute ich mich weiter zu fahren, auch angesichts der zu erwartenden Steigung.

Landschaft und Wetter
Landschaft und Wetter

Bald außerhalb von Massiac allerdings hing ich nicht nur in einer langen Steigung bis auf über 1200m Höhe fest (von ca. 500m und mit ein paar kurzen Abfahrten), sondern es begann zu regnen. Mit zunehmender Höhe wurde es auch empfindlich kalt. Die Temperatur sank auf 9°C und es kam ewig kein Dorf, bestenfalls Ansammlungen einiger Häuser. Allanche kam nur schleichend näher und der Regen wurde stärker.

Die letzten fünf Kilometer waren eine schnelle Abfahrt. Kurvig, auf regennasser Fahrbahn. Mit Brille ist nichts zu sehen, ohne Brille pieksen ab 50km/h die Regentropfen in den Augen so, dass man sie schließen möchte.

Angekommen in Allanche war ich heilfroh, ein Hotel mit freiem Zimmer zu finden, welches auch noch ein Abendessen anbot.

Cluny – Noirétable

Frühstück gab es erst um 08:30 Uhr, so kam ich – auch dank freundlicher Gesellschaft erst spät weg. Von der Unterkunft war ich nur noch ein kurzes Stück auf der Voie Verte unterwegs, dann bog ich ab auf unbekannte Wege.

Viadukt
Viadukt

Ab hier, das wusste ich aus der Planung, ging es ins französische Zentralmassiv. Weniger abstrakt: es wird bergig. Ging es zunächst verhalten hügelig los, so kam ich schon bald an die erste Stelle, wo ich auf ruhigeren Straßen plante. Ich war weg von LKW und auchden meisten PKW, die Strecke war kürzer. Aber mit mehr als 15% Steigung auf einspurigen Straßen hatte ich nicht so bald gerechnet. Langsam kroch ich Höhenmeter für Höhenmeter voran. Und auch die Abfahrt hatte es in sich, denn ich musste dauerhaft bremsen, konnte selten mehr als 50m voraus schauen, in den engen Kurven gab es Split.

Der Blick über die Landschaft ist hart erarbeitet
Der Blick über die Landschaft ist hart erarbeitet

Zum Glück führte mich die Route bald wieder auf größere Straßen, mit weniger Steigung und erträglichen Verkehr. Und ich machte noch eine Erfahrung: in diesem Teil Frankreichs sind die Orte etwas belebter, ein offenes Café oder zur Mittagszeit ein Restaurant mit Plat du Jour waren leicht zu finden.

Vor Roanne folgte ich dann größeren Straßen. Mehr Verkehr, aber es wird in der Regel vorsichtig und mit ausreichendem Abstand überholt. Die Existenz von Radfahrern auf Landstraßen wird hier als gegeben hingenommen, der Radfahrer nicht als Störfaktor für den Autoverkehr wahrgenommen. So bleiben verkehrsreiche Straßen zwar stressig, haben allerdings lange nicht den Adrenalinfaktor deutscher Verkehrswege.

Motivation am Wegesrand
Motivation am Wegesrand

Hinter Roanne ging es in der prallen Sonne schnurgerade ewig bergan. Irgendwann mir mehr Kurven, aber Abfahrten kamen nur kurz. Wo die Autobahn parallel lief war der Verkehr auch Recht ruhig. So kam ich nach Noirétable. Ich stellte fest, dass es mit Unterkünften hier dünn aussah und war heilfroh, am Ortsausgang ein Hotel zu finden (mit Abendessen und Frühstück). Denn hinter Noirétable folgt der nächste lange Anstieg (welch Aussicht für den nächsten Morgen!) und es gibt am Track lange Zeit keine größeren Orte.

Am Ende liegen 125km mit 2000 Höhenmetern hinter mir. Und viel wäre wohl auch nicht mehr gegangen.

Dole – Cluny

Am Morgen erwartete mich ein original französisches Frühstück: Ein Stück Baguette, ein Croissant, etwas Marmelade, etwas Butter. Wobei der Orangensaft, der Becher Joghurt und die Wahl, einen Tee zu bekommen, schon als Luxus durchgingen.

Landstrasse ohne Verkehr
Landstrasse ohne Verkehr

Nach dem Frühstück rollte ich hinunter zum Radweg. Ab Dole ist es nicht mehr weit, bis der Rhein-Rhone-Kanal in die Saône mündet. Gerade auf den letzten Kilometern und an der Saône gibt es leider auch einige Kilometer mit nicht so gutem Asphalt, in Anbetracht meiner gestrigen Reifenpanne hatte ich auf Split dann ab und zu Sorgen. Aber der Reifen hielt.

Nach dem Erreichen der Saône folge ich nur partiell der offiziellen Radwegführung, an einigen Stellen kürze ich ab. Die Wege sind hier, gemessen an der schönen Landschaft, die mich in den letzten Tagen begleitete relativ langweilig, häufig geht es auch auf wenig befahrenen Landstrassen weiter. Diese haben auch ein paar Hügel zu bieten. Ich bin ja eher ein Fan echter Anstiege, statt ständiger kleiner Hügel.

Bahnradweg bei Chalon sur Saône
Bahnradweg bei Chalon sur Saône

In Verdun sur le Doubs mache ich Pause und esse eine Quiche, das Café kenne ich von 2015 – und schon 2011 hatte ich sicherheitshalber nachgegooglet, ob dieses Verdun wirklich nicht das Verdun ist. Das Verdun liegt schließlich ganz woanders.

Hinter Verdun wird die Besiedlung dichter, bald ist Chalon erreicht. Ich habe eine Expressroute geplant, nicht schön, aber möglichst fix wieder raus. Doch plötzlich das bekannte Geräusch vom Hinterrad. Offenbar durch die Hitze war die Plastikwurst, die die das Loch verschlossen hielt, aufgeweicht und herausgedrückt worden. Diesmal hielt der Reifen noch genug Luft zum Schieben, aber nicht genug zum Fahren.

Ich wollte das Notwendige mit dem Nützlichen verbinden und vom nächsten Fahrradladen einen Schlauch einziehen lassen, während ich zu Mittag aß. Im Schatten. Leider bekam der Profi den Reifen nicht von der Felge – draußen in der Botanik wäre das ziemlich ärgerlich gewesen. Ich kannte das Problem so nicht, vermute aber einen Zusammenhang mit dem Kleber im Reifen. Ich schob das Rad dann weiter zum nächsten Decathlon, 2,5km entfernt. Dort bekam ich einen passenden Schlauch (einen hatte ich, aber ich wollte Ersatz behalten) und einen neuen Reifen, denn ich traute mich mit der Beschädigung nicht mehr auf die nächsten 2000km. Und ich hatte Zeit zum Essen, während das Rad gemacht wurde. Damit möchte ich meine Einlassung zu Tubeless auf Hochdruck-Reifen korrigieren: das ist definitiv nicht reif für Touren.

Cluny bei Nacht
Cluny bei Nacht

Später als gedacht ging es dann raus auf den Bahnradweg, die Voie Verte, von Chalon in Richtung Macon. Die Nachmittagssonne setzte mir zu, es ging leicht, fast unmerklich, bergan und das Mittagessen aus dem Einkaufszentrum erwies sich als wenig nachhaltig. So legte ich mein Tagesziel auf Cluny fest, der letzte Ort vor der Abbiegung ins Unbekannte, in die Berge und vor allem in eine Gegend mit weit weniger genügend grossen Orten für Übernachtungen.

Abends gönnte ich mir einen Rundgang durch die schöne Altstadt und aß in zwei Restaurants nacheinander. Offenbar fehlte einiges an Energie.